Tag 3 -- 12. Mai -- von Lugoj durch Rumänien bis Pirdop (BG)

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Heute ist der Tag, an dem wir das Kinderheim in Lugoj besuchen. Und der weitere Verlauf hat es dann in sich.

 Der Tag in der Zusammenfassung

 

 

 

 

 

Die Geschichten des Tages

Heute ist Luxus, bis 07:00 Uhr morgens ausschlafen. Und dann auch noch Duschen, Frau Gollnick sei Dank. Unsere Herbergseltern haben lecker Frühstück gemacht, geräucherte Wurst, selbst gemachten Speck, gebratene Eier und Käse. Ein wahrhaft zünftiger Start in den Tag.
Ein letztes geradebrechtes Gespräch mit unseren Gastgebern, die überschaubare Rechnung bezahlt und weiter geht die Fahrt. Nur wenige Kilometer sind es bis zum Kinderheim, wo Team 99 mit ihren T4-Bussen schon auf uns wartet. Die sind echt taff und hatten gestern schon einen Charity-Termin in einem Hundeheim in Stuttgart. Später werden auch noch die Bajuwelen und Team 73, JustForFun vom 'Ivan' hier eintreffen. Unsere Aktion wird damit zu einer Erfolgsgeschichte.

Am Eingang müssen wir unsere Pässe abgeben und zusichern, dass wir nicht fotografieren werden, dann dürfen wir mit den Fahrzeugen aufs Gelände. Dort treffen wir unsere Kontaktfrau Frau Gollnick und den Direktor des Heimes, Herrn Vlasic. Der zunächst am Eingang sehr distanzierte Empfang wird schnell herzlich. Wie so viele andere so können auch die beiden zwar kaum nachvollziehen, warum wir nach Jordanien fahren wollen.
Trotzdem werden wir schnell miteinander warm. Es gibt Kaffee und Kekse und der Direktor erzählt, übersetzt von Frau Gollnick, die zugleich beeindruckende und bedrückende Geschichte und Situation des Heimes. Wir mögen uns kaum vorstellen, wie die Situation der Kinder zu Zeiten des Kommunismus aussah. Ohne Hilfe aus Deutschland kann die Heimleitung auch heute ihre 60 stationären Kinder und 90 ambulant betreuten gerade mal beherbergen und ernähren. Alles andere funktioniert nur mit externer Unterstützung...

Beim anschließenden Ausladen unserer vielen Kisten kommen dann auch viele der jungen und jugendlichen Heimbewohner hinzu. Verwirrende Gefühle, wir sind hier richtig und irgendwie doch nicht. Die Bilder dieses Morgens lassen sich hier nicht angemessen beschreiben und bleiben sicher noch lange in unseren Köpfen. Auf jeden Fall ist es einer der ganz wichtigen Momente unserer Rallye und Grund für mehr Auseinandersetzung nach diesen drei Wochen.
Zum Abschluss gibt es noch ein gemeinsames Foto und ein gleichermaßen herzliches wie sinnbeladenes "Auf Wiedersehen"...

Weiter durch die Karpaten, die wir leider nur am Rande Streifen. Zugern hätte ich einen Bären oder die Wölfe gesehen, die ist dort zuhauf geben soll. Öhöm... Wir kommen durch Dörfer und Weiler, die noch immer den spröden Charme der anti-imperialistischen Dekaden versprühen. Die Straßen zieren noch immer die anderen Meilensteine deutscher Automobilgeschichte - Trabbi, Wartburg und auch sagenumwobene Barkas sind hier noch Teil der variantenreichen Population von Fortbewegungsmitteln. Zu der übrigens auch der längst ausgestorben geglaubte Panjewagen gehört. Dann öffnet sich das Gelände in einen lang gezogenen Donaubogen. Auf dem breiten Strom dümpeln verrostete Binnenschiffe in Ausmaßen herum, die wir sonst nur von der Bremerhavener Stromkaje kennen. Eisernes Tor heißt dieser sich an den Fluß schmiegenden Gebirgskette. Wunderschöne Gegend.

Jetzt muss es aber weitergehen, bis Istanbul sind es noch 1.200 Kilometer.

Wir geben Gas, immer entlang der Donau, die sich als breiter Strom durch das serbisch-rumänische Grenzgebiet zieht. Südöstlich Richtung Sofia führt uns der Weg über die 'Strasse Nummer 1', die sich in einem erbarmungswürdigen Zustand präsentiert. Und wie nicht anders zu erwarten kommt plötzlich mitten auf der Strecke eine nicht angekündigte Vollsperrung wegen Baustellen. Spätestens jetzt versagt unsere eher holzschnittartige 'Übersichtskarte Südosteuropa' mit ihrem Maßstab 1:1.500.000. Wir werden umgeleitet, rechts ab in die Weite des ländlichen Bulgarien. Da der Bulgare definitiv keine Umleitungsschilder kennt, fängt ab hier ein erstes echtes automobiles Abenteuer an. Es geht durch Dörfer und Weiler, die zu einem anderen Europa gehören müssen. Eines, in dem in der frühen Mitte des letzten Jahrhunderts die Zeit stehen geblieben ist.

Das wichtigste Transportmittel ist hier immer noch der Panjewagen, gezogen von Pferd oder Esel. Die Menschen am Strassenrand schauen uns mit großen Augen an und winken uns zu. Unterwegs verreckt auch am dritten Auto der Blinker vorn rechts und fällt einfach raus - Serienfehler.
Besonders auffällig in dieser Gegend ist die extrem marode Infrastruktur. Oh Mann, die Geschichten, die dieser Landstrich erzählt, beginnen alle mit "Es war einmal...". Dabei scheint es hier im letzten Jahrhundert einmal anders gewesen zu sein. Große Genossenschaftsbetriebe mit weitläufigen Gebäudekomplexen und umfangreichen Maschinenpark verrotten vor sich hin. Ein paar versprengte, magere Kühe und Pferde bezeugen den Niedergang und machen uns klar, dass das Konzept EU nicht für alle von gleichem Vorteil ist. Gleichwohl begegnet uns die europäische Fahne hier auf vielen Baustellen-Schildern - Strassenbau als Infrastrukturmaßnahme.

Im Radio tönt elektrische Musik im SubWoof-Sound als wir in einer dieser Baustellen auf ein weiteres Team treffen. Es würden keine Gefangenen gemacht und wir wären nicht auf einer Butterfahrt - so in etwa lautete die unmißverständliche Ansage des Teamchefs. Und diese weich-kurvige Strecke gibt es her, den Nachbrenner einzuschalten und den Fuß am Gaspedal gerade zu machen. Raus aus der Ortschaft links raus und auf annähernd Lichtgeschwindigkeit beschleunigt. Jetzt bitte nur kein langsames Gefährt auf unserer Fahrbahn, ich will den Fuss nicht vom Gas nehmen, die Landschaft fliegt vorbei und der beste Beifahrer von allen bringt jedes verfügbare Bildaufnahmegerät in Stellung, um diesen Cruise im Bewegbild einzufangen. Die GoPro raus aus dem Fenster, die Nikon oben aus dem Dachfenster. Schlaglochslalom mit eng gestecktem Kurs, heftige Bodenwelllen und enge Strassenführung - läuft!
Als dann noch die Band Fee mit dem Song 'Doswidanja' aus den Boxen dröhnt, ist dieser Tag endgültig unsterblich.

Was für ein Tag, dieser Kurs rockt. Fast zu schade, als wir nach eineinhalb Stunden überland wieder auf die Strasse Nummer Eins geleitet werden. Aber das soll zum Glück noch nicht alles gewesen sind --- das Beste hat der Tag für den Schluß aufgespart. Ab Mezdra müssen wir wieder über Land fahren, um nicht auf die Mautstrassen zu kommen. Und wir wollen heute schick Zelten und dafür noch im Licht des Tages einen angemessenen Platz finden. See mit Wiese und Strand wäre schön, gern mit Steg zum Angeln. Mal sehen. Mit etwas Glück finden wir den Weg unter der Autobahn durch und kommen in eine wunderschöne bewaldete Hügellandschaft. Und dann müssen wir alle laut lachen. Über Funk weist Holger darauf hin, dass wir gerade den Eingang des Bärennationalparks passiert hätten. Ich werf mich weg -- was für ein idealer Platz zum Zelten. Schön mit Meister Petz vorm Frühstück kuscheln.
An ein paar erstaunlich luxuriösen Hotels vorbei geht es immer tiefer in den Bärenwald immer weiter bergan. Es fühlt sich ein wenig an wie bei 'Hänsel und Gretel', auch weil die Strasse Nummer 3 mehr und mehr an Substanz verliert. Hier oben in der untergehenden Sonne sind auch nur noch sieben Grad, letzter Schnee ziert die Bergkuppen.
Ab jetzt wird es krass! Kein guter Platz zum Zelten... Schmelzwasser hat die Strasse an vielen Stellen aufgerissen und die Wüstensterne müssen ihre erste harte Bewährungsprobe bestehen. Da vorn ist eine Steinlawine runtergekommen, dahinten der Asphalt komplett weggerissen, dort eine tiefe Schneise in der Piste. WHOHOOOOOO - so muss das. Keiner außer uns ist hier unterwegs und die Dunkelheit bricht herein. Was für ein unglaublich cooles Bild ist das, als wir die dicken Dachscheinwerfer einschalten und diese Offroad-Piste in ein surreales Lichtermeer tauchen. Tolle GoPRo-Motive! Irgendwann wird der Asphalt besser und wir kommen nach Pirdop herunter. Hier jetzt etwas zum Zelten finden? Mittlerweile ist es zehn Uhr am Abend. Auf dem Dorfplatz treffen wir die Polizei, die sind wohl schon ein paar Minuten mit dem Peterwagen hinter uns. 'Stehen Sie beque, Herr Wachtmeister' kommt mir in den Kopf - aber zum Glück nicht über die Lippen.

Denn was jetzt folgt, ist die Krönung des Tages. Die Polizisten haben eine Idee für uns, oben im Wald bei einem Hotel auf der Wiese, da könnten wir Zelten. Und seit heute können wir den anderen Teams eine Nachhilfestunde in Sachen AOR-konforme Übernachtung im Vier-Sterne-Hotel geben: Wenn es draußen zu kalt ist, und für ein Zimmer das Geld nicht reicht, dann übernachtet man eben für 11,11€ in der Lobby. Wie cool ist das denn!

Spätestens jetzt sind wir mit offenem Mund begeistert vom Spirit der Rallye und der Gastfreundschaft Bulgariens!!! #gastfreundschaft #bulgarien #hotelborovagora

 

Bilder des Tages

 

Sponsor des Tages

www.artundweise.de

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